Dynamik Range Day

Dynamic Range Day: Gegen langweiligen Klang und „Loudness War“

Wenn du Klang liebst so wie wir, dann hast du bestimmt schon vom „Loudness War“ in der modernen Musikproduktion gehört. Damit wird die Tendenz benannt, Musik digital so zu komprimieren, dass sie immer lauter klingt – auf Kosten der Dynamik. Es gibt jedoch eine Bewegung, die sich gegen diese Tendenz richtet und sich für den Erhalt eines hohen Dynamikumfangs in der Musikproduktion einsetzt: den Dynamic Range Day. Wir erläutern die Hintergründe dieser Initiave und erklären dir, weshalb Lautheit kein Qualitätsmerkmal ist.

Worum geht es beim Dynamic Range Day?

Der Dynamic Range Day möchte im Sinne des bestmöglichen Klangs errreichen, dass Musikveröffentlichungen wieder lebendiger klingen und nicht durch Anpassungen des Dynamikumfangs verfälscht werden. Denn in großen Teilen der Musikindustrie neigt man dazu, den dynamischen Umfang einer Tonaufnahme mit allerlei technischen Tricks zu verkleinern, um den Track insgesamt lauter zu machen. Dadurch kann zwar ein gefühlt zunächst besserer Höreindruck entstehen, weil auch leise Passagen deutlicher zu hören sind, aber das Klangbild wirkt auch deutlich flacher, eben weniger dynamisch. Der Dynamic Range Day will darauf aufmerksam machen, dass guter Klang sich nicht durch Lautheit, sondern durch natürliche Laut-leise-Unterschiede auszeichnet.

Lautheit ist nicht Lautstärke

Oft wird Lautheit mit Lautstärke verwechselt – im Gegensatz zur physikalisch messbaren Lautstärke (siehe Schalldruckpegel) meint Lautheit jedoch den subjektiven Eindruck der empfundenen Lautstärke. Es handelt sich also um eine psychoakustische Größe. Diese hat sogar eine eigene Maßeinheit: das Sone. 1 sone entspricht dabei 40 phon (Maßeinheit für die empfundene Lautstärke). Erhöht sich die empfundene Lautstärke um 10 phon, verdoppelt sich die Lautheit in Sone.

Wiedergegeben von einem guten Lautsprecher sollten leise Töne, etwa von einer Violine oder einer geflüsterten Stimme, genauso detailliert klingen wie markige laute Töne. Kaum ein Song bleibt dabei durchgehend auf einer bestimmten Lautheit; in der Regel wechseln sich laute Passagen mit leisen ab. Genau dieser Wechsel der Lautheit innerhalb eines Tracks wird von vielen (nicht nur Audiophilen) als angenehm empfunden. Die Dynamik macht die Musik interessant, kann Gefühle auslösen und ist einfach angenehmer zu hören als Tracks mit einem sehr geringen Dynamikumfang.

Allerdings kann der subjektive Höreindruck, insbesondere bei geringerer Tonqualität, spontan besser sein, wenn die Musik insgesamt lauter klingt. Das liegt daran, dass das menschliche Ohr dann auch hohe und tiefe Töne deutlicher wahrnehmen kann. Zudem wird die Musik in an sich schon lauten Umgebungen leichter hörbar. Wer jedoch Wert auf guten Sound auch unterwegs legt, wird in gute Kopfhörer investieren, die zum Beispiel mit Noise Cancelling arbeiten. Und spätestens dann macht sich der große Nachteil zu lauter Tracks bemerkbar.

Kopfhörer von Teufel

Viele empfinden Songs mit nur geringen Unterschieden zwischen den leisesten und lautesten Abschnitten nämlich auf Dauer als flach, nervig und aggressiv. Das fanden verschiedene Studien heraus, deren Ergebnisse auf der Website des Dynamic Range Day gesammelt werden. Manche Testpersonen erlebten sogar das Phänomen der Ohrmüdigkeit beim Hören – sie wollten Songs, die auf laut getrimmt worden waren, einfach nicht mehr weiterhören.

Loudness War: Wie funktioniert die dynamische Kompression?

Lautheit wird durch Kompression der Dynamic Range erzeugt. Das Prinzip der dynamischen Kompression ist denkbar einfach: Leise Passagen werden lauter geregelt, während die lautesten Töne gekappt werden. Dadurch wird es möglich, die Tonspur insgesamt lauter zu ziehen. Dies geht auf Kosten des ursprünglichen Dynamikumfangs. Das Ergebnis ist – je nach Stärke der Kompression – ein Track, der konstant laut klingt, also permament „schreit“. Selbst Metal-Fans stoßen hier an ihre Grenzen, wie etwa die Reaktionen auf Metallicas Death Magnetic-Album von 2008 gezeigt haben, das ein typisches Beispiel für diese Art der Überproduktion darstellt.

Wie stark sich ein Tonsignal bei einer dynamischen Kompression verändern kann und was dabei alles verlorengeht, wird in diesem Video anschaulich gezeigt:

Wieso wird die Dynamic Range überhaupt verringert?

Wer schreit, will Aufmerksamkeit. Genau das ist auch der Hauptgrund für den Loudness War: Die Produktion soll sich durch Lautheit in den Vordergrund drängen. Ein alltägliches Beispiel ist Radiowerbung, die lauter ist als das übrige Programm. Doch die dynamische Kompression ist schon wesentlich älter als die Diskussion um den Loudness War.

Für eine historische Erklärung müssen wir zurückgehen bis in die 1940er Jahre. Zu dieser Zeit traten die Jukeboxen ihren Siegeszug an. Diese Geräte enthielten einen Plattenspieler und eine Mechanik, die Vinyl-Singles aus einem speziellen Fächerspeicher holen und automatisch wechseln konnte. Das Problem: Es gab keine Lautstärkeregelung. Um dieses Manko zu umgehen und beim Abspielen obendrein mehr Aufmerksamkeit zu erzielen, wurde in die tontechnische Trickkiste gegriffen und die Musik in der Jukebox lauter gemacht. Damit hob sie sich hörbar von normalen Plattenspielern ab – zumindest so lange, bis alle Singles so hergestellt wurden und die physikalische Grenze der Lautheitsanhebung erreicht war.

Die großen Schwestern der Singles, die Langspielplatten, entgingen vorerst dem Schicksal des akustischen Tunings und waren lange Zeit Standard für Tonträger mit einem hohen Dynamikumfang. Erst mit der Entwicklung der Compact Disc traten die Toningenieure wieder auf den Plan. Denn mit der Digitalisierung von Musik wurde auch der technische Spielraum für eine Veränderung der Dynamic Range größer. Um die CD wettbewerbsfähiger zu machen, wurden die Tracks komprimiert und lauter gemacht. Das betraf auch die bald üblich gewordenen Radio Edits, die auf CD-Singles erschienen.

Abkehr vom Lautheitstrend: HiFi-Streaming als Chance

Immerhin hatten die CDs den Vorteil, dass sie als Ganzes abgemischt wurden und zumindest alle Songs auf der Scheibe die gleichen technischen Einstellungen hatten. Dies änderte sich jedoch, als sich MP3 als digitales Format durchsetzte. Mit dem MP3-Format kehrte das Jukebox-Prinzip zurück: Statt ganzer Alben hörte man wieder verstärkt einzelne Tracks – mit oft ganz unterschiedlichen Kompressionsraten und Abmisch-Einstellungen. Veränderungen des Dynamikumfangs boten hierfür eine Lösung, gingen aber eben auch zu Lasten des Hörgenusses.

Das Aufkommen des Streamings führte diesen Trend noch fort. Doch es hat ein Umdenken eingesetzt: Streamingdienste wie Deezer oder TIDAL bieten mittlerweile auch hochauflösende Tracks an und setzen Zeichen gegen die Manipulation. HiFi-Streaming bietet somit die Möglichkeit, Musik auch digital in bester Qualität und mit großem Dynamikumfang zu hören.

Dezzer Musikstreaming
Dezzer bietet auch hochauflösende Formate für bestmöglichen Sound an.

Kann Software den Klang bei Tracks mit wenig Dynamikumfang verbessern?

Die Einflussnahme auf die Originaltracks führte jedoch auch dazu, dass es mittlerweile eine Vielzahl von Apps, Plug-ins oder integrierten Filtern in Verstärkern gibt, die es Hörern und Radiosendern erlauben, die Tracks akustisch wieder besser zu hören, auch wenn einzelne Tracks zuvor irreversibel verändert wurden.  So bietet iTunes mittlerweile eine „Sound Check-Funktion“ an, welche alle Titel in der Musiksammlung zumindest auf ein Niveau anpasst. Das erspart schon mal das nervige Nachjustieren der Lautstärke bei jedem Track.

Je mehr Gegenwind das nachträgliche Manipulieren von Tracks erhält, um so stärker wird auch der Wind aus den Segeln deren genommen, welche auf diese Art den Verkauf Ihrer Musik steigern wollen. Mehr als je zuvor sollte es im Interesse aller Beteiligten – von den Künstlern bis zum Toningenieur – sein, mit einem zu kleinen Dynamikumfang aufzuhören.

Jeder hat es mit der Hand, dass zukünftig mehr Musik wieder musikalisch statt einfach nur laut klingt. Dieses Thema soll der Dynamic Range Day ins Bewusstsein rufen.

Weitere Infos auf diesen Seiten:

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Hinweis: der letzte Abschnitt wurde gegenüber der Originalversion geändert.

Quelle Titelbild: LHMike at en.wikipedia [Public domain]

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  1. Paule Vinül
    26. Okt. 2018, 22:44

    Danke, dass Teufel sich um dieses Thema kümmert. Gute Musik ist viel zu schade, um durchgängig auf -1 dB gegen die Decke des nutzbaren Pegels gequetscht zu werden.

  2. Harald
    28. Apr. 2018, 16:44

    Hallo,

    es freut mich, dass Sie sich für dynamische Musik einsetzen. Allerdings habe ich eine Kritik am Artikel:

    Den Abschnitt „Hoffnung am Horizont – Software oder Apps stellen den Dynamikumfang wieder her“ bezweifel ich stark. Gute D/A-Wandler können es angenehmer machen, laut komprimierte Musik zu hören, aber durch die Kompression werden die Daten so verändert, dass eine Zurückführung in einen dynamischeren Zustand nicht mehr annähernd original möglich ist.

    Die Anpassungsfunktionen für die Lautstärke von Playern und Streamingservices verändern die Dynamik von vorhanden Tracks nur dann, wenn sie einen Limiter einsetzen. Dann reduzieren sie aber die Dynamik.

    In dieser Form von einer Wiederherstellung der Dynamik zu schreiben, weil zu hoch komprimierte Tracks dynamischer neu aufgelegt werden, halte ich ohne einen Hinweis auf diesen Effekt für nicht nachvollziehbar.

    • Teufel Blog Redaktion
      30. Apr. 2018, 11:12

      Harald, danke für deinen HInweis, der letzte Abschnitt wurde angepasst.

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Teufel Blog Redaktion

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