Verändert Musik beim Essen wirklich den Geschmack einer Pizza? Ganz so direkt lässt sich das nicht beantworten. Fest steht jedoch: Unser Gehör spielt beim Essen eine größere Rolle, als viele vermuten. Forschende untersuchen seit Jahren, wie Klänge, Musik und Umgebungsgeräusche unsere Geschmackswahrnehmung beeinflussen. Die Ergebnisse sind erstaunlich: Je nach Klangkulisse können Speisen subjektiv frischer, knackiger, süßer oder intensiver wirken.
Wie Gehör und Geschmack zusammenspielen
Beim Essen verarbeitet das Gehirn deutlich mehr als nur Signale von der Zunge. Geruch, Aussehen, Konsistenz und Geräusche fließen in den Gesamteindruck ein. Dass Sinne dabei systematische Verbindungen eingehen, beschreiben Forschende unter anderem als Crossmodal Correspondences.
So ordnen Menschen bestimmte Klangeigenschaften auffallend häufig bestimmten Geschmacksrichtungen zu. Höhere Töne werden eher mit Süße oder Säure verbunden, tiefere eher mit Bitterkeit. Auch Klangfarbe und andere musikalische Eigenschaften spielen eine Rolle.
Wissenschaftler vermuten hinter diesen Korrespondenzen evolutionäre und psychologische Verknüpfungen (die sogenannte „hedonische Kongruenz“). Hohe Töne werden oft mit kleinen, reifen Früchten (die süß sind) oder positiven Emotionen assoziiert. Tiefe Töne signalisieren in der Natur eher Gefahr oder schwere, erdige Dinge. Das Gehirn überträgt diese unbewusste Stimmung direkt auf den Geschmack.
Tipp: Crossmodal Correspondences sind dabei nicht mit Synästhesie gleichzusetzen, bei der Sinneseindrücke sehr viel unmittelbarer miteinander verknüpft sein können.
Sonic Seasoning: Geschmack mit Klang würzen
Auf diesen Verknüpfungen basiert das sogenannte Sonic Seasoning – auf Deutsch etwa: „akustisches Würzen“. Darunter verstehen Forschende den gezielten Einsatz von Klängen oder Musik, um bestimmte Geschmacksnoten eines Lebensmittels stärker hervortreten zu lassen.
Die Idee dahinter: Wenn hohe, helle Klänge mit Süße verbunden werden und tiefere Töne eher mit Bitterkeit, könnte die passende akustische Begleitung unsere Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung lenken. Ob das tatsächlich funktioniert, wurde in mehreren Studien untersucht.
Eine der bekanntesten Untersuchungen dazu heißt passenderweise „A bittersweet symphony“. 2012 probierten Versuchspersonen dieselbe bittersüße Toffee-Süßigkeit zu zwei unterschiedlichen Soundtracks: einer war auf Süße abgestimmt, der andere auf Bitterkeit.
Unter dem „süßen“ Sound wurde das Toffee auf einer Bitter-Süß-Skala süßer bewertet, unter dem „bitteren“ Sound bitterer. Daraus entstand später die oft zitierte Aussage, Sound könne Essen rund zehn Prozent süßer schmecken lassen.
Als allgemeine Geschmacksformel taugt diese Zahl aber nicht. Eine größere Studie von 2025 mit 515 Teilnehmenden zeigt, wie differenziert der Effekt sein kann: Ein auf Bitterkeit abgestimmter Sound verstärkte die wahrgenommene Bitterkeit bei zwei Schokoladencremes (Ganaches). Der „süße“ Sound erhöhte die Süßwahrnehmung dagegen nur bei der zuckerreicheren Variante.
Tipp: Welche Musik eigentlich besonders gut zu Essen und Trinken passt, haben wir in unserem Beitrag „Welche Musik passt gut zum Essen und Trinken?“ gesammelt.
Bluetooth-Speaker von Teufel
Wenn es zu laut wird, schmeckt man plötzlich weniger
Tonhöhe ist nur ein Teil der Sache. Forschungsarbeiten bringen Geschmack auch mit Klangfarbe, Rauigkeit und musikalischen Eigenschaften in Verbindung. Süße wird beispielsweise häufiger mit weicheren, eher harmonisch wirkenden Klängen assoziiert. Akustische Reize fließen offenbar stärker in die Geschmackswahrnehmung ein, als lange angenommen wurde. Auch allgemeine Umgebungsgeräusche können die Wahrnehmung verändern.
In Experimenten mit Hintergrundgeräuschen wurden Süße und Salzigkeit unter lautem Rauschen weniger intensiv wahrgenommen. Ein anschauliches Beispiel für solche Zusammenhänge ist das Flugzeug: Dort treffen Essen und Trinken auf eine dauerhaft kräftige Geräuschkulisse. Dass Mahlzeiten über den Wolken manchmal anders schmecken, hat mehrere Ursachen – der Soundpegel kann eine davon sein.
Schokolade, Musik, Play: Probier Sonic Seasoning selbst aus
Wer das selbst ausprobieren möchte, braucht nur etwas dunkle Schokolade und zwei möglichst unterschiedliche Soundtracks.
Probier zuerst ohne Musik. Beim nächsten Bissen hörst du etwas Helles, Leichtes mit höheren Tönen. Beim dritten Bissen wechselst du zu einem tieferen, dunkleren Klangbild. Rückt Süße oder Bitterkeit stärker in den Vordergrund?
Einen garantierten Effekt gibt es dabei nicht. Wie deutlich Unterschiede wahrgenommen werden, hängt von Sound, Lebensmittel und Person ab. Und falls du keinen Unterschied bemerkst, ist das ebenfalls ein interessantes Ergebnis.
Sound für Küche, Frühstückstisch und Kaffeepause

Mach den Test gern auch dort, wo Geschmack ohnehin ständig Thema ist: in der Küche. Beim Kaffee am Morgen, beim Kochen oder beim Stück Schokolade zwischendurch läuft oft Musik. Genau hier zeigt sich besonders schön, wie nah Hören und Schmecken im Alltag beieinanderliegen – und warum guter Sound in der Küche mehr ist als bloße Hintergrundbeschallung.
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Dein Ohr isst mit: Das Wichtigste auf einen Blick
- An unserem Geschmackseindruck sind mehrere Sinne beteiligt.
- Höhere, hellere Klänge werden häufiger mit Süße verbunden, tiefere eher mit Bitterkeit.
- Die Zusammensetzung des Essens bleibt gleich. Verändern kann sich jedoch, wie wir einzelne Geschmacksnoten wahrnehmen.
- Sehr laute Umgebungsgeräusche können einzelne Geschmackseindrücke abschwächen.
Studien zeigen, dass passende Sounds die wahrgenommene Süße beeinflussen können. Der Effekt ist allerdings nicht bei jedem Lebensmittel und jeder Person gleich stark.
Häufig werden höhere, hellere und eher weich wirkende Klänge mit Süße verbunden.
Damit ist der gezielte Einsatz von Sound gemeint, um Eigenschaften eines Essens oder Getränks in der Wahrnehmung hervorzuheben.
Dafür kommen mehrere Faktoren zusammen. Einer davon kann die dauerhaft hohe Geräuschkulisse sein.
Quellen
- Knöferle, K. & Spence, C. (2012): „Crossmodal correspondences between sounds and tastes“. Psychonomic Bulletin & Review, 19, 992–1006.
- Crisinel, A.-S. et al. (2012): „A bittersweet symphony: Systematically modulating the taste of food by changing the sonic properties of the soundtrack playing in the background“. Food Quality and Preference, 24, 201–204.
- Woods, A. T. et al. (2011): „Effect of background noise on food perception“. Food Quality and Preference, 22, 42–47.
- Guedes, D. et al. (2023): „Crossmodal interactions between audition and taste: A systematic review and narrative synthesis“. Food Quality and Preference, 107, 104856.
- Swahn, J., Nilsen, A. & Baptista, I. (2025): „When the music stops: Crossmodal effects of sounds on taste do not explain changes in liking“. Food Quality and Preference, 131, 105576.
Titelbild: AI generated Image










