Pride like Disco: Szenekenner sprechen über Mut, Musik und Vielfalt

In den Morgenstunden des 28. Juni 1969 markierte der Stonewall-Aufstand im New Yorker Greenwich Village den Auslöser für die Bildung der bis heute weltweit gewachsenen LGBTQIA*-Community, die für gesellschaftliche Toleranz, individuelle Freiheit, Offenheit und Gender-übergreifende Gleichberechtigung einsteht. So auch wir, Costume-Designer und Drag-Unikat Jochen Kronier, aka Joey Love und Event Manager und DJ Zaren Courtenay. Triff sie mit uns im Interview und feiere anschließend PRIDE mit uns und unserer groovy Disco-Playlist.

Vive la Disco & House in Szene

Ähnlich wie Funk in den 1960er-Jahren, entwickelte sich Disco in den 1970er-Jahren zu einem eigenständigen Musikgenre. Als New York das Tanzverbot für gleichgeschlechtliche Paare nach den Stonewall-Riots der Lesben und Schwulen aufhebt, sprießen Clubs und Bars wie Pilze aus dem Boden. Doch auch auf exzentrisch dekorierten Privatpartys werden nonstop Platten aufgelegt. Das neu gewonnene und entwickelte Selbstbewusstsein der lesbisch-schwulen Szene spiegelt sich in schrillen Dress-Ups und glänzenden Disco-Kugeln. Mit einem Tempo von etwa 100 bis 120 bpm (beats per minute) und kreativem Mix richtet Disco den Fokus klar auf Tanzbarkeit und Groove.

Die Konzentration auf Rhythmus, Harmonie und Melodiösität intensivierte sich gen Ende der 70er. Stilisierte Club-Mixes, einprägsame Instrumentalpassagen, der meist computererzeugte 4/4-Takt und eine Geschwindigkeit von 100 bis 130 bpm formen die aus Disco hervorgehende Musikrichtung House, die erstmals in dem Club Warehouse in Chicago aufgelegt wurde. Die Vibes laden ein, Individualität frei auszuleben, expressiv zu feiern und Gemeinschaft zu pflegen.

Lautsprecher Teufel – von Vielfalt inspiriert

Bold. Colourful. Inspiring. Der hochkapazitive SUPREME ON kommt mit tollen Features in sechs Farben und verfügt über eine ShareMe- & Party-Funktion: Verbinde zwei Kopfhörer kabellos mit einem Smartphone oder einen Kopfhörer mit zwei Geräten und feiere PRIDE.

Die Teufel Familie ist offen, divers, bunt und innovativ. Der Mut, Konventionen infrage zu stellen, die Lust, an positiven Veränderungen mitzuwirken und die Liebe zu gutem Sound inspirieren uns jeden Tag aufs Neue. Daher haben auch wir die Charta der Vielfalt unterzeichnet und bekennen Flagge. Menschen im Alter von 20 bis 60 Jahren arbeiten bei uns kreativ zusammen und schaffen fortwährend neue Synergien. Innovation und Diversität bilden bei uns ein queeres Paar. 

Interview mit Costume-Designer & Drag-Unikat Jochen Kronier aka Joey Love

1991 gibt Jochen Kronier sein Dragqueen-Debut als Grace Jones. Mehr als eine Dekade hindurch performt er auch international als Next-Level-Character Joey Love in renommierten Clubs, auf Festivals und Szene-Paraden. Gender-Grenzen verschwimmen und Profanes wird zum Kosmischen stilisiert. Das zeigen auch die Kostüme, die Jochen als langjähriger Wahlberliner und Costume-Designer für Ice-Breaker wie Lady Gaga, die No Angles oder Tokyo Hotel designt. Für uns beantwortet er drei Fragen:

Stage-Kostüm im Chrom-Look

Teufel Blog: Die Dancefloors und Perfomance-Stages Berlins sind seit März 2020 menschenleer. Für die Pride-Community eine besonders starke Einschränkung, denn queer-freundliche Clubs bedeuten vielen mehr als eine bloße Tanzfläche. Wie erlebst du das derart langanhaltende Wegbrechen einer ganzen Architektur in der Community?  

Jochen: Dass auch das Nachtleben zum Stillstand kam, war klar. Allerdings war es für mich nur zu einem kleinen Teil ein „Verlust”. Tatsache ist: Aerosole verbreiten sich in den Clubs natürlich spielend! Der Verlust durch das Ableben von Freunden wäre da viel schlimmer gewesen, statt eine längere Pause, in der man sich neu erfinden oder besinnen kann, in Kauf zu nehmen! Der finanzielle Verlust der Club-Betreiber ist natürlich beachtlich! Hoffen wir, dass der Staat mit seinen „Unterstützungen“ dem kulturellen Sektor auch wirklich zur Seite steht und zeigt, dass Kultur ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens ist! Schauen wir mal, welcher Laden das übersteht und überlebt.

Ich hatte zwar finanziellen Verlust, aber endlich Zeit für mich und die Musik.

„Me, myself and I“ – von Kopf bis Fuß

Da ich ja schon viele Jahre Party live in vollen Zügen genießen konnte, habe ich die Pause (Lockdown) zum Musizieren und Komponieren von Sounds genutzt. Eigentlich bin ich fast nur damit beschäftigt, diverse Designs von Kopf bis Fuß für meine Kunden herzustellen. Aber da mir (wie auch so vielen anderen) alle Jobs abgesagt wurden, hatte ich zwar finanziellen Verlust, aber endlich mal Zeit nur für mich und die Musik. Somit habe ich wie verrückt dreieinhalb Monate jeden Tag zehn Stunden Musik und Sounds komponiert. Das war klasse und befreiend. Dadurch habe ich sogar Corona ab und an mal total vergessen! Die erzwungene Ruhe und Auszeit haben also nicht nur Schlechtes mit sich gebracht. Hoffen wir, dass der Corona-Zirkus bald vorbeizieht und wir wieder alle feiern gehen können wir zuvor. Aber das wird schon wieder kommen!

Teufel Blog: Du bist seit Jahrzehnten aktiv in der Szene unterwegs, kennst die Hürden, denen Menschen aus der PRIDE-Community gegenüberstehen und hast für dich ein Leben in Eigenregie kreiert. Welche Widerstände hast du als besonders stark empfunden?

Wenn man sich zu sehr in einer Nische bewegt, verliert man den Blick aufs Ganze.

Stage-Kostüm – „Me, myself and I“

Jochen: Es hat sehr lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass ich eine sehr schöne Kindheit hatte, mit allem, was sich ein Kind so wünscht. Geborgenheit, Toleranz, Zuneigung, Anerkennung, Freiheit und bedingungslose Liebe gehörten zu meinem Alltag. Auch was mein Coming-out betraf, war es easy und total entspannt. Niemals habe ich mich „nicht normgerecht“ oder „falsch“ gefühlt. Ich wusste einfach, dass ich anders war, fertig. Wirkliche Widerstände bemerkte ich hauptsächlich bei Freunden in deren Umfeld. Da sah der Alltag schon anders aus. Ja, sogar homophobe Aussagen hatten und haben für mich keine Relevanz, da sie in jeder Hinsicht völligst haltlos sind, wenn man sie mal logisch hinterfragt und analysiert! Es ist eigentlich nur sinnloser Hass oder sogar blanker Neid dahinter.

Ich sage immer: Homosexualität ist die natürliche Balance der menschlichen Population. Eine Erfindung der Natur. Nicht auszudenken, alle existierenden Menschen auf der Welt wären ausschließlich heterosexuell! Kein Rechenzentrum dieser Welt könnte die Anzahl der Menschen und geschweige die Auswirkungen dessen auf diesem Planeten und unser Leben berechnen.

Jochen Kronier

Aber zurück zu den Widerständen: Irgendwann beschloss ich, mich etwas mehr in anderen Kreisen zu bewegen. Tolle Menschen gibt es ja überall, man muss nur danach suchen! Wenn man sich zu sehr in einer Nische bewegt, verliert man den Blick aufs Ganze und der Horizont wird kleiner und sogar sehr dunkel. Dabei ist die Welt doch so schön bunt!

Teufel Blog: Seit Corona widmest du dich wieder deiner Liebe zum Sound. Auf SoundCloud experimentierst du mit Synth-Effekten. Erzählst du uns davon?

Musik ist und war für mich schon immer die beste und größte Inspiration.

Jochen: Zu meinem siebten Geburtstag bekam ich eine kleine Orgel geschenkt, wodurch ich begann, Unterricht zu nehmen. Zu Anfang hat es Spaß gemacht. Nach ein paar Monaten wurde es aber zu langweilig für mich, da es dort nur sehr langsamen voranging. Jedes Mal, wenn wir ein neues Stück erlernten, konnte ich es in der kommenden Woche schon auswendig, aber alle anderen nicht. So bekam ich Einzelunterricht. Mein Problem war, dass ich keine Noten lesen konnte. Ich konnte spielen, aber nicht Lesen und Spielen zugleich. Somit wurde der Einzelunterricht ebenfalls zum Problem, obwohl ich schon mit Schubert und Bach und anderen Komponisten beschäftigt war. Mit 15 wurde mir der Druck, Noten lesen zu lernen, zu einer Belastung. Doch zum Glück traten dann ein Jahr später ein paar schwarze spitze Schuhe in mein Leben, die alles veränderten

Cyber Heels – ein Unikat

Ich fing an, mich zum ersten Mal mit meinem Aussehen zu beschäftigen. Eine gute Freundin hatte noch eine alte Nähmaschine im Keller, an der ich meine ersten Klamotten nähte und der ganze kreative Prozess begann. Bis heute hat mir niemand gesagt, was ich wie zu tun habe bei der Herstellung von Kleidung, Kostümen etc. Alles habe ich mir selber beigebracht. Nachdem ich mich über die Jahre im Bereich Kostümdesign und Kleidung komplett unabhängig gemacht habe, hole ich mir die Musik wieder zurück, mit der Idee und dem Wunsch, nun beides zu kombinieren. 

Mit der Zeit konnte ich mir ein gutes Musikequipment zulegen. Durch Corona bekam ich endlich die Zeit, mich intensiv damit auseinanderzusetzen, was mir riesigen Spaß bereitete. Durch meinen Bruder Jaybeetrax, der schon lange im Bereich Musikproduktion tätig ist, bekam ich immer super Unterstützung, wenn es um die Bearbeitung von Frequenzen und Sounds geht. Mal schauen, was ich da noch zaubern werde. Ideen habe ich genug. Musik ist und war für mich schon immer die beste und größte Inspiration. Wenn es mir gelingt, werde ich viele andere ebenfalls damit inspirieren, so wie ich inspiriert wurde. Ausschnitte davon lade ich ab und an auf mein SoundCloud-Profil, nur so zum Spaß.

Interview mit Event Manager & DJ Zaren Courtenay

Zaren ist seit 2002 stolzer Wahlberliner sowie Resident DJ und Event Manager bei Proto Hustle und Disco Spektrum. Er setzt Zeichen gegen Rassismus und seine Sets sind inspiriert vom Disco-Sound der späten 1970er und frühen 1980er Jahre. Auch Zaren, der für euch die tolle Playlist kuratiert hat, beantwortet uns drei Fragen:

Proto Hustle – das Kollektiv

Teufel Blog: Du hast für unsere Fans die Pride-Playlist kuratiert. Weil Disco von der Lesben- und Schwulenszene maßgeblich geprägt wurde, haben wir dieses Musikgenre fokussiert. Was macht für dich die anhaltende Faszination von Disco aus?

Wir alle haben den Wunsch, als unser reinstes Selbst akzeptiert zu werden.

Zaren mit Disco im Blut

Zaren: Für uns stehen die Zusammengehörigkeit und das Engagement um Freiheit ganz klar im Vordergrund. Es ist klar, dass jedes Musikgenre seine Anhänger*innen hat, aber Disco ist aus einer Bewegung geboren, die den Wunsch hatte, als gleichwertiger Mensch wahrgenommen zu werden. Wir alle haben den Wunsch als „unsere reinstes Selbst“ akzeptiert zu werden. Disco reflektiert genau dieses, gibt Hoffnung, bringt Freude und Farbe ins Leben; bezieht sich auf tiefe Themen, aber sorgt gleichzeitig immer für gute Laune und positive Energie.

Teufel Blog: Disco ohne Dancefloor – eigentlich ein Unding. Wie erlebst du die Zeit ohne Clubs im virtuellen Raum?  

Zaren: Auf der einen Seite beschissen, auf der anderen Seite magisch. Seit 18 Monaten konnten wir nicht mit Menschen tanzen, feiern oder zusammenkommen. Es ist unterschätzt, was das für mentale Beeinflussungen hat. Wir konnten keine Parties mehr machen. Andererseits haben wir eine Menge über uns als Community gelernt. Der Zusammenhalt der Berliner Clubszene hat uns alle trotzdem zusammengebracht, uns gegenseitig unterstützt und viele Möglichkeiten gegeben. Als „Proto Hustle“ haben wir über 30 Livesendungen während des Lockdowns gemacht, um Fans und Freunde zusammen zu bringen. Es hat unglaublich viel Spaß gemacht, besonders weil wir vieles Neues ausprobieren konnten, was vielleicht nicht bei einer unserer Clubnächte gegangen wäre.

Es gibt nichts Größeres für uns als vor tanzenden Menschen aufzulegen.

Tapes und Technik – Zarens erster Kontakt

Teufel Blog:  Wie begann deine Leidenschaft für Sound und die Lust am Auflegen? 

Zaren: Ich war ein sehr introvertierter, aber gleichzeitig auch neugieriger Teenager. Meine Leidenschaft für Musik habe ich in der Zeit für mich entdeckt. Mein Vater hatte viele Platten aus den 70er-Jahren, darunter auch viel Disco. Eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen ist, als ich heimlich (denn ich durfte nie alleine an den Plattenspieler meines Vaters ran) „H.A.P.P.Y. Radio“ von Edwin Starr auf dem Plattenspieler laut gespielt, und dazu allein herumgetanzt habe. Wenn ich heute zurückdenke, dann ist dies eine meiner prägendsten Erinnerungen, meine Faszination für Disco hat damit angefangen. Die Lust aufzulegen war schon immer da. Mit 10 Jahren habe ich mit zwei Kassettenrekordern eine Geburtstagsparty für meine jüngere Schwester geschmissen. „Etwas professioneller“ kam alles in meinen 30er-Jahren zustande. Weil wir Bock hatten unsere eigene Partyreihe zu machen, ist aus anfänglichen Haus- und Büro-Parties „Proto Hustle“ entstanden. Mein Freund und Mitgründer, Blake Thompson und ich haben damit unser heutiges DJ Kollektiv / Veranstaltungsteam gegründet, welches mittlerweile 8-Jähriges Jubiläum hat. Auch wenn es interessant und schön war, während der Pandemie und über neue Kanäle uns neu auszuprobieren, gibt es nichts Größeres für uns als vor tanzenden Menschen aufzulegen. Wir freuen uns, es ganz bald wieder erleben zu dürfen.

Teufel x Proto Hustle: Unsere PRIDE-Playlist für dich

Tipp: Stelle in Spotify die Zeit bei der Option „Songs überblenden“ auf 11 Sekunden, um die Playlist als Mix abzuspielen.

About: CSD Berlin

Auch das damals noch geteilte Deutschland wird von Disco, House und Freiheitsdrang heimgesucht. Der erste Berliner CSD fuhr am 30. Juni 1979 unter den Mottos “Lesben erhebt euch und die Welt erlebt euch!” sowie “Mach dein Schwulsein öffentlich!” im Berliner Westen auf. Von da an bildeten sich über die Jahre hinweg zahlreiche Parallel-Veranstaltungen, sodass im Zuge der PRIDE WEEK Vielfalt facettenreich zelebriert wird. Mit unserem für die Liebe eingesetzten Teufel Thundertruck haben wir in den vergangenen Jahren lautstark und engagiert am Berliner CSD teilgenommen.

Titelbild: Mit freundlicher Genehmigung ©Walter Vogel

Bild 1: Mit freundlicher Genehmigung ©Jochen Kronier

Bild 2: Mit freundlicher Genehmigung ©Devin Mohr

Bild 3: Mit freundlicher Genehmigung ©Devin Mohr

Bild 4: Mit freundlicher Genehmigung ©Jochen Kronier

Bild 5: Mit freundlicher Genehmigung ©Zaren Courtenay

Bild 6: Mit freundlicher Genehmigung ©Zaren Courtenay

Bild 7: Mit freundlicher Genehmigung©Zaren Courtenay

 

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Teufel Blog Redaktion

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