First Ladies of Sound – Teil 1: Daphne Oram, Virtuosin der elektronischen Klänge

Vom Meeresrauschen bis zum Werbejingle: Töne, Klänge und Musik begleiten uns das ganze Leben hindurch. Für alle, die Sound so lieben wie wir, zelebrieren wir im Teufel Blog fünf Pionierinnen, die mit ihrem Schaffen die Akustik und Audiotechnik maßgeblich beeinflusst haben, in loser Folge. Wir starten mit der britischen Audiotechnikerin, Komponistin und Klangkünstlerin Daphne Oram.

Die erste Frau, die ein elektronisches Musikinstrument erfand

Daphne Oram (1925 – 2003) war ein echter Nerd mit interdisziplinärer Schaffensdynamik. Zeugnis ihres innovativen, von Naturwissenschaft, Kunst und Philosophie inspirierten Denkens ist auch ihr 1972 erstmals erschienenes Buch: An individual Note. Of music, sound and electronics. Heute ist Oram vor allem bekannt als Sound-Hackerin, Vorreiterin des elektronischen Sounds und als die erste Frau weltweit, die ein elektronisches Musikinstrument kreierte.

Der Schritt ins musikalische Neuland

Im Alter von 18 Jahren sieht Oram erstmalig das Oszilloskop, das sie von Sekunde 1 an fasziniert. Sie fragt ihren Lehrer, weshalb man nicht umgekehrt den Graphen malen und daraus den Sound gewinnen könne. Sie wird dafür belächelt. Doch die Begeisterung siegt: Es entfacht ein Feuer in ihr, das tradierten Vorstellungen trotzt und ihre lebenslange Forschung wie bahnbrechende Pionierarbeit antreibt.

Oram und die Entstehung des BBC Radiophonic Workshop

Daphne Oram bei der Entstehung von Private Dreams and Public Nightmares im BBC Radiophonic Workshop

Das Angebot der renommierten Royal College of Music in London schlägt Daphne Oram aus. Stattdessen beginnt sie 1942 für die BBC zu arbeiten – zunächst als junior programme engineer. Musikalisch wie technisch versiert, steigt sie innerhalb der BBC konsequent auf. Daphne möchte komponieren und produzieren. Sie liefert eine Innovation nach der anderen. 1948 beginnt sie, ein neuartiges Stück für Doppelorchester zu komponieren. Es trägt den Namen Still Point. Daphne verarbeitet hierin ihre Erfahrungen während der Arbeit unter der Glaskuppel der Royal Albert Hall, als Bomben auf London niederregnen. Die endgültige Partitur für Still Point wird der BBC als potenzieller Beitrag für den ersten Prix Italia im Jahr 1950 vorgelegt. Mit der Begründung der Unverständlichkeit wird der Beitrag abgelehnt. 

Unter Orams Mitwirken und Führung entstehen binnen der Jahre zahlreiche Klangeffekte und Jingles, sowie 1957 das erste Radiophonic Poem Private Dreams and Public Nightmares – heute nennen wir das Hörspiel.

Anmerkung: Das Poem startet ab Minute 4:12

Ein Jahr vor der Gründung des legendären Radiophonic Workshop komponiert Oram die erste vollständig elektronische Partitur in der Geschichte der BBC. Um Jean Giraudoux’ Theaterstück Amphitryon 38 zu vertonen, verwendet sie einen elektronischen Sinuswellenoszillator, ein Tonbandgerät und ein paar Filter – quasi einen selbst kreierten Synthesizer.

1957/58 gründet Oram den BBC Radiophonic Workshop mit Desmond Briscoe, der zum Senior Studio Manager ernannt wurde, während Dick Mills als technischer Assistent beschäftigt war. Oram leitet ebenfalls. Produziert werden Geräuschkulissen, Soundeffekte und Themenmelodien für die Radio- und Fernsehprogramme der BBC, darunter die populäre Science-Fiction-Serie Quatermass and the Pit und die Show The Goon. Oram ist begeistert von den Möglichkeiten der Klangmanipulation, Klangerzeugung und der „Musique concrète“, doch stößt bei der BBC immer wieder auf Unverständnis. Aufgrund der strengen Restriktionen und Differenzen verlässt sie den Workshop bereits 1959 — lautstark.

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Sound avant la lettre – Geburtsstunde des Oramics Klangerzeugers

Progressiv denkend und futuristisch orientiert, gründet Oram ein eigenes Tonstudio — und zwar in ihrem zu Hause Tower Folley in Fairseat, Kent. Dort lebt sie mit einem Hund und zwei Katzen, produziert, forscht, komponiert elektronische Musik und gibt Workshops.

Der Oramics Klangerzeuger

Als weltweit erste Frau plant und entwirft sie zwischen 1962 und 1969 den nach ihr benannten Klangerzeuger „Oramics“, der auf Basis graphischer Information arbeitet. Zwischen 2011 und 2015 stellte das Science Museum in London das Einzelstück aus.

Der Oramics Klangerzeuger in seiner vollen Größe
Auf der in einen rechteckigen Metallrahmen eingelassenen Arbeitsfläche des Klangerzeugers finden sich 2 x 5 applizierte Streifen des transparenten 35 mm-Films, die regelmäßig über die Fläche gezogen sind. Um eine Maske zu erzeugen, wurden Formen auf den Filmträger gezeichnet. Hierüber wurde das von Fotozellen empfangene Licht moduliert.  

Mit dem Klangerzeuger Oramics erschafft Daphne Oram ein elektromechanisches und optoelektronisches Audio-Interface, welches von der Kennerschaft als richtungsweisend für die Entwicklung des MIDI (Musical Instrument Digital Interface) und der DAW (Digital Audio Workstation – auch vergleichbar mit der Steinberg Cubase, Apple Logic oder Ableton Live) betrachtet wird.

Oram nutzt eine schon in den 1930er Jahren bekannte Methode, bei der Linien, Wellen und ähnliche Zeichnungen auf einen 35 mm-Film aufgetragen werden, um optisch Töne zu erzeugen und diese zu regulieren. Teils arbeitet sie auch auf Glas. Solche optisch abgetasteten, handgezeichneten Wellen sind auch unter dem Begriff Klangfarbe bekannt. Die Sequenzen werden von sequenziellen Steuerinformationen eingelesen und dann als musikalische Tonhöhen interpretiert.

Aufgrund der Größe eines Büro-Kopierers will Oram eine „Mini Oramics“ Maschine im Desktopformat bauen, doch das 1976 entworfene Projekt bleibt Zeit ihres Lebens unvollendet. 2016, dreizehn Jahre nach Orams Tod, nimmt der Künstler Tom Richards – damals noch Doktorand an der Goldsmiths University of London – diese Konzeption aus ihren zahlreichen Originalnotizen und Zeichnungen wieder auf und realisiert eine funktionierende „Mini Oramics“ Maschine. In der Schaffensphase stellt er sich vor, diese in den 1970ern zu bauen und verwendet ausschließlich damals vorhandene Technologien.

Daphne Oram gilt als eine der markantesten Komponistinnen des 20. Jahrhunderts und Koryphäe der Psychoakustik und des elektronischen Sounds. Mit ihrem Schaffen, Innovationsdrang und Wesen inspiriert sie bis heute tausende Kreative.

Danke, Daphne.

Daphne Oram während einer ihrer Vorträge

About: Der Daphne Oram Trust

Der 2007 gegründete Daphne Oram Trust pflegt das Vermächtnis der Komponistin, Klangkünstlerin und Audio-Pionierin Daphne Oram und fördert zukünftige Schöpfer elektronischer Musik. Der Daphne Oram Trust besteht zur Verbesserung, Förderung, Entwicklung und Aufrechterhaltung der öffentlichen Bildung und Wertschätzung elektronischer Musik als Kunstform und sorgt für die Sicherung von Orams Originalaufnahmen, Partituren, persönlichen Papieren, Softwaredisketten und weiteren Materialien. Deren Zugänglichmachung erfolgt über die Special Collections & Archives, der Goldsmiths University of London. Der Daphne Oram Trust arbeitet Spenden-basiert.

Titelbild: via Goldsmith Special Collections & Archives der Goldsmith University of London, mit freundlicher Genehmigung ©Daphne Oram Trust
Bild 1: via Goldsmith Special Collections & Archives der Goldsmith University of London, mit freundlicher Genehmigung ©Daphne Oram Trust

Bild 2: via Goldsmith Special Collections & Archives der Goldsmith University of London, mit freundlicher Genehmigung ©Daphne Oram Trust

Bild 3: via Goldsmith Special Collections & Archives der Goldsmith University of London, mit freundlicher Genehmigung des ©Daphne Oram Trust

Bild 4: ©linearclassifier CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons

Bild 5: ©tpholland CC BY 2.0 via Wikimedia Commons

Bild 6: via Goldsmith Special Collections & Archives der Goldsmith University of London, mit freundlicher Genehmigung ©Daphne Oram Trust

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