Zwei Musiker in gepunkteten Alien-Kostümen, eine Doppelhals-Gitarre, ein Schlagzeug unter Stoff und ein Sound, der sich jeder Schublade entzieht – und plötzlich flippte das halbe Internet aus: Angine de Poitrine sind gerade das wohl ungewöhnlichste Musikphänomen im Netz. Wir haben uns das „außerirdische“ Musiker-Duo und ihren Sound genauer angesehen.
Wer sind Angine de Poitrine überhaupt?
Angine de Poitrine kommen aus Québec, Kanada – zumindest, wenn man der irdischen Version der Geschichte glaubt. Die Band selbst erzählt lieber von zwei 333 Jahre alten Raumzeit-Reisenden namens Khn und Klek de Poitrine. Sofern man überhaupt von „Erzählen“ reden kann. Denn wenn überhaupt, dann reden die beiden in einer Fantasiesprache. Auch zwischen den Songs kommunizieren die beiden eher in einer Art dumpfen Grunzen.
Die beiden Musiker spielen laut eigener Geschichte schon seit ihrer Jugend zusammen. Gegründet wurde die Band 2019. Die Idee zu den Bühnenoutfits entstand eher zufällig: Sie wollten bei einem Konzert unerkannt auftreten, weil sie kurz vorher bereits mit einer anderen Formation gespielt hatten. Und seitdem sind die Kostüme mit den schwarz-weißen Punkten („Polka Dots“), mit den riesigen Pappmaché-Köpfen und langen Nasen ihr Markenzeichen.
Der Name ist ebenfalls Teil des schrägen Gesamtkunstwerks: „Angine de Poitrine“ ist Französisch und bezeichnet Angina Pectoris, also ein Engegefühl in der Brust. Diese Beklemmung stellt sich bei Konzerten der Band tatsächlich ein – vor allem dann, wenn ihre Töne mal wieder knapp neben dem liegen, was unsere Ohren gewohnt sind. Zugleich muss man sagen: Hinter der DIY-Alien-Ästhetik steckt ein Duo, das technisch gesehen auf extrem hohem Niveau brilliert.
Warum geht ausgerechnet dieses Duo viral?
Der große Durchbruch kam im Februar 2026: Der Radiosender KEXP aus Seattle im US-Bundesstaat Washington veröffentlichte eine 30-minütige Live-Session, aufgenommen beim 47. Festival Trans Musicales in Rennes. Und der experimentelle Instrumental-Rock traf unmittelbar einen Nerv: Nach zwei Monaten standen rund 12 Millionen Aufrufe auf YouTube, Mitte Juni lag das Video bereits bei etwa 15 Millionen Zugriffen.
Warum zieht das so? Weil Angine de Poitrine nicht wie eine Band wirken, die viral gehen wollte. Kein Algorithmus-Gesicht, keine glattgebügelte TikTok-Choreo, kein „Bitte streamt unsere neue Single“. Stattdessen: Masken, Polka Dots und ein Sound, der so menschlich unperfekt-perfekt wirkt, dass man hängen bleibt.
In den Kommentaren entstand schnell eine eigene Fan-Kultur. Viele User feiern die Band als Gegenentwurf zu austauschbarer, KI-glatter Musik. Und der Funke sprang schnell über: Musikblogs, Produzentinnen und Instagram-Artists teilten Clips, analysierten Riffs und feierten den eigenwilligen Sound. Sogar Foo-Fighters-Frontmann Dave Grohl geriet öffentlich ins Schwärmen über die Band.
Funky Sounds von Teufel
Was macht ihren Sound so besonders?
Das Genre, in dem Angine de Poitrine sich bewegen, trägt ebenfalls einen absurden Namen: „Mantra-Rock Dada Pythago-Cubist Orchestra“. Klingt kompliziert. Ist es auch. Aber auf die gute Art. Die rhythmische Grundlage stammt dabei aus dem sogenannten Mathrock. Das Genre arbeitet gern mit ungeraden Takten, abrupten Wechseln und Gitarrenfiguren, die mehr nach geometrischen Mustern klingen als Klampfen am Lagerfeuer. Statt gemütlichem Viervierteltakt gibt es Muster, die sich über fünf, sieben oder andere Einheiten verschieben.
Das hört sich an wie Stolpern – bis man merkt, dass die beiden sehr genau wissen, wo die Eins ist. Sie verstecken sie nur gern. Zumal bei Angine de Poitrine viel gleichzeitig passiert. Aber eigentlich ist alles präzise kalkuliert. Schlagzeuger Klek spielt trocken, tight und fast maschinenhaft präzise. Der Drumsound ist dabei bewusst unkonventionell gehalten: Ein Tuch über den Trommeln nimmt Obertöne raus und hält den Klang kompakt, kurz, direkt.
Auch tonal bewegen sich die Kanadier konsequent neben der Spur – und zwar im besten Sinne. Khn de Poitrine spielt ein doppelhalsiges Spezialinstrument, das Bass und mikrotonale Gitarre kombiniert. Die zusätzlichen Bünde ermöglichen Viertelton-Schritte – also Töne, die zwischen den gewohnten Halbtönen der westlichen 12-Ton-Skala liegen.
Dazu kommen komplexe Live-Loops. Mit zwei Boss RC-600 Loop-Stations nimmt Khn einzelne Passagen live auf – etwa ein Riff, eine Basslinie oder eine kurze Rhythmusfigur – und lässt sie direkt in Endlosschleife weiterlaufen. So legt er Schicht für Schicht neue Ebenen darüber, bis ein erstaunlich voller, fast bandgroßer Sound entsteht.
In der Summe: Eine Mischung aus Prog-Rock, experimenteller Jazz, Funk, Punk und elektronischer Avantgarde, dazu jeder Menge Theatralik und Performance-Kunst, was zunächst schief, hypnotisch, manchmal nervös klingt – und am Ende doch erstaunlich groovy und tanzbar ist.
So hörst du die komplexe Musik von Angine de Poitrine
Angine de Poitrine eignen sich nicht als Hintergrundmusik. Dafür passiert in ihren Stücken zu viel: kleine rhythmische Haken, trockene Drums, schräg gesetzte Gitarrenlinien und Momente, in denen der Song plötzlich die Richtung wechselt. Am besten funktioniert das mit einem Setup, das Details sauber abbildet und trotzdem genug Druck für die kantigen Grooves mitbringt. Dann hörst du direkt, wie präzise dieser ganze Wahnsinn gebaut ist.

▶ ROCKSTER 2Im neuen Tab öffnen: Wenn du den Alien-Rock nicht nur hören, sondern körperlich spüren willst, liefert der ROCKSTER 2 die passende Größenordnung: 440 Watt Gesamtleistung, ein 380-mm-Tieftöner und Bass bis 36 Hertz geben den schrägen Riffs mehr Druck.
▶ ULTIMA 40 KOMBO 3 DUAL DT 250: Fürs konzentrierte Hören der Vinyl-Platten von Angine de Poitrine kombiniert das Set zwei ULTIMA 40 Standlautsprecher mit 3-Wege-System, kräftigem Tiefton und sauberer Stereoabbildung mit dem DUAL DT 250 Plattenspieler.
Noch mehr Stereo-Genuss von Teufel
Angine de Poitrine: Hochgelobt und ausgezeichnet
Nachdem ihr erstes Album „Vol. I“ 2024 bereits für Aufmerksamkeit in der experimentellen Szene sorgte, haben Angine de Poitrine mit „Vol. II“ im April 2026 noch einmal nachgelegt. Darauf finden sich Stücke wie „Mata Zyklek“ und „Fabienk“, die zeigen, dass der virale Erfolg kein Zufallstreffer war, sondern auf einem ziemlich eigenen musikalischen Kosmos basiert.
Anerkennung gibt es längst nicht nur in Kommentarspalten und von Promis, auch das Fachpublikum ist begeistert: Ende 2025 wurde das Duo beim renommierten GAMIQ, dem Independent-Musikpreis in Québec, als „Künstler des Jahres“ ausgezeichnet. Was als Nächstes von diesen kanadischen Aliens kommt? Schwer vorherzusagen – aber genau das macht die Sache ja spannend.
Fun Facts zu Angine de Poitrine
- Im Herbst 2026 geht die Band auf Europatour, in Deutschland sind vier Konzerte geplant (Köln, Berlin, Hamburg und Heidelberg).
- Eine Vinyl-Kopie von „Vol. I“ soll laut Pitchfork zeitweise für mehr als 1.500 Dollar auf Discogs verkauft worden sein.
- Khn trägt am Hut ein goldenes Pyramidensymbol, bei Klek ist es auf der Brust – ein Verweis auf ein Zeichen, das in Québec für gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt steht.
Häufige Fragen
Angine de Poitrine sind ein experimentelles Rock-Duo aus Québec. Die beiden Musiker treten anonym als Khn und Klek de Poitrine auf – mit Masken, gepunkteten Kostümen und einer eigenen Alien-Mythologie.
Ein wichtiger Grund ist der Einsatz mikrotonaler Instrumente. Die Gitarre hat zusätzliche Bünde und kann dadurch Töne erzeugen, die zwischen den gewohnten Halbtönen der westlichen 12-Ton-Skala liegen. Dazu kommen komplexe Rhythmen, Live-Looping und bewusst dissonante Harmonien.
Der große Durchbruch kam mit ihrer KEXP-Live-Session, die 2026 auf YouTube veröffentlicht wurde. Der Clip verbreitete sich rasant und machte das Duo auch außerhalb der experimentellen Musikszene bekannt.
Titelbild: p_a_h, CC BY 4.0Im neuen Tab öffnen, via Wikimedia Commons









